Der Kompass

 

Der Kompass

Eine Geschichte von Damaris Baron

 

Das
Licht, das mich am Anfang begleitete, hatte sich langsam in gnadenlose
Dunkelheit verwandelt, die alles um mich herum verschlang. Ich wusste
nicht mehr, wie sich Licht anfühlte und wie es sich anfühlte, Farben zu
sehen. Mit dem Licht waren auch Zuversicht, Hoffnung und Geborgenheit
verschwunden und nach und nach auch die Liebe.

Liebe? Hoffnung? Glaube? Was waren das für Worte? Sie drangen durch meinen Kopf wie Spott und Hohn.

Mit
den Händen fuhr ich über den eiskalten Boden, auf dem ich saß. Ich
fühlte Scherben und schnitt mich sogleich an ihren scharfen Kanten.
Warmes Blut floss mein Handgelenk herab.

Ich hätte gerne geweint, doch ich wusste nicht mehr wie man das tat. Was soll ich nur machen? In mir wirbelten die Gedanken.

Kann
mir denn niemand helfen? Laut rief ich meinen Hilferuf in die alles
erfassende Dunkelheit hinein, doch er klang nur dumpf ab. Ich schloss
die Augen, obwohl dies genauso dunkel war wie vorher. Meinen Kopf legte
ich auf die Knie. Nun wollte ich warten, bis ich an der Finsternis und
Einsamkeit starb.

Plötzlich schreckte
ich auf! Ein Laut drang an mein Ohr. Leise, kaum hörbar. Ich riss meine
Augen auf, die dennoch nichts sehen konnten.

Ich
bekam Angst. Was würde jetzt geschehen? Was kam da auf mich zu? Ich
drehte mich um. Ein leichter Schimmer, weit weg, erregte meine
Aufmerksamkeit. Ganz klein sah ich einen hellen Punkt, es sah aus wie
ein winzig kleiner Stern an einem pechschwarzen Nachthimmel. Wärme
erfüllte mein Herz.

Was war das für
ein Gefühl, das ich nun fühlte und das sich an die Stelle der Angst
gesetzt hatte? Welches Wort könnte es beschreiben? Ach ja! Es war
Hoffnung! Kein Zweifel.

Nun setzte ich alle meine Konzentration an den kleinen Stern, der immer größer und heller zu werden schien.

Ich
wollte aufstehen und ihm entgegenrennen, doch etwas hielt mich zurück.
Eine Stimme, die mir zuflüsterte: „Hirngespinste! Wie könnte in diese,
deine Dunkelheit, jemals Licht kommen? Lauf schnell weg … weg von hier,
es könnte gefährlich sein! Tödlich!“

 

Ich blieb sitzen und hörte der Stimme zu.

Doch
plötzlich hörte ich etwas anderes: Jemand rief meinen Namen! Wie konnte
das sein, schoss es mir durch den Kopf? Wer weiß, dass ich an diesem
Ort lebe?

Die Stimme redete nun
lauter auf mich ein und wurde immer drängender, während die andere
Stimme sanft und liebevoll immer wieder nach mir rief. Ich versuchte,
mich auf die sanfte Stimme zu konzentrieren. Bald merkte ich, dass
dadurch die drängende Stimme fast verstummt war.

In
warmes Licht gehüllt sah ich nun eine Person auf mich zukommen. Sie
selbst schien zu leuchten. An ihrem Gewand schillerten Edelsteine in
Farben, von denen ich nicht einmal geträumt hatte. Tränen benetzten
mein Gesicht und … ich fühlte wieder! Alle möglichen Gefühle – schöne
Gefühle – belebten meine Sinne und mein Denken. Die Person war nun ganz
nah.

„Wer bist du?“, flüsterte ich.

„Ich habe dich gesucht!“

„Aber warum?“, fragte ich flüsternd weiter.

Die Person lächelte. „Du hast doch um Hilfe gerufen!“

„Woher kennst du meinen Namen?“

„Ich kenne jeden Namen, ob im Licht oder in der Finsternis.“

Nun
schaute ich auf den Boden. Überall lag Schmutz und Dreck, der es nicht
wert war, von dem wunderbaren Licht erfasst zu werden. Schnell
versuchte ich ihn zur Seite zu schieben, doch es ging nicht. Die Person
griff nach meiner Hand. „Lass!“, sagte sie. „Ich kenne diesen Ort und
mich interessiert der Dreck nicht. Er verdient es nicht, dass man ihm
Aufmerksamkeit schenkt. Ich habe ja alles gesehen.“

„Ich will hier nicht mehr wohnen“, weinte ich, „nimm mich mit in das Licht, bitte!“

„Ich
habe gehofft, dass du das sagst. Ich werde dich an einen Ort führen,
der schöner ist als das Licht. Allerdings ist es meine Aufgabe, noch
andere zu suchen, doch ich werde dir das Einzige geben, das dir den Weg
dahin zeigen kann.“

Die Person holte
ein kleines Kästchen aus ihrem Gewand hervor. Sein goldener Schein war
das Schönste, was ich je gesehen habe. Wertvolle Edelsteine, Rubine und
Smaragde schmückten sein Äußeres.

 

 

„Pflege
es und achte gut darauf, denn es ist ein unbezahlbarer Schatz.“ Ich
nahm das wertvolle Kästchen in Empfang und öffnete es. Helles Licht
strahlte mir entgegen und umhüllte mich völlig. Wunderbare Melodien
durchdrangen die Dunkelheit und ich konnte wieder frei atmen. Was für
ein wunderbares Gefühl!

„Danke!“, sagte ich, erfüllt mit Glück.

„Gern
geschehen! Folge nur dem Weg, der dir gezeigt wird!“, antwortete die
Person und ging weiter in die Dunkelheit. Dabei rief sie einen anderen
Namen, den ich nicht kannte.

Ich betrachtete meinen Schatz und war so erfüllt von Glück, dass ich unentwegt weinte.

Es
war ein Kompass! Ein Kompass, der mir einen Weg zeigte. Ich wusste nun,
wohin ich gehen musste. Die Nadel zeigte auf Nord-Ost.

Und auf dieser Leitnadel stand in schönen Initialen ein Name:

JESUS

© Damaris Katrin Baron
Veröffentlichung unter Quellenangabe „www.gottes-haus.de“ gestattet

Fotos: stock.xchng (www.sxc.hu)
Foto unten: Kriss Szkurlatowski, Poland

 

 

Kategorien: Neue Artikel | Schlagwörter: , , | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Einen Kommentar verfassen...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.