Vision: Vor dem Tor

Vor dem Tor

Martin Baron

Langsam vernehme ich Kindergesang. Dann stelle ich fest, dass ich schon seit geraumer Zeit über eine gigantisch große Menschenmenge dahingleite, die sich schier endlos unter mir ausbreitet. Es ist geradezu ein Meer von Menschen. Es herrscht eine eigentümliche Atmosphäre, es ist dämmerig, nicht richtig hell und nicht richtig dunkel, mit dramatischen Wolkenformationen am Himmel.

 

Überall höre ich Gesang von Männern, Frauen und Kindern. Ganze Gruppen stehen zusammen und singen. Es klingt wie millionenfacher Zungengesang, wundervoll und mächtig, wie ein großes Brausen. Alle Personen blicken in die gleiche Richtung. Während ich über sie schwebe, kann ich in die Gesichter sehen. Es sind normale Menschen, ganz normal bekleidet. Sie beobachten mich wie ich über sie gleite, betrachten den Himmel, staunen, warten und singen.

Die Menschen stehen auf einer flachen Ebene, die sich in alle Richtungen bis zum Horizont erstreckt. Alles ist mit Menschen bedeckt, soweit das Auge sehen kann. Alle diese Menschen stehen dort in der unwirklichen Dämmerungsatmosphäre und singen. Plötzlich senke ich mich herab und lande ganz unvermittelt inmitten der Menge auf einem Platz, der wie für mich freigehalten zu sein scheint. Ich schaue mich um und sehe rund um mich Menschen, Menschen und nochmals Menschen. Wir stehen alle zusammen, schauen in die gleiche Richtung und warten auf etwas, das bald beginnen wird.

Plötzlich zuckt ein mächtiger, weißgreller Blitz über den dramatischen, dunklen Himmel mit faszinierend orange-rot erleuchteten Wolken. Der Blitz bewegt sich sehr schnell von einem Ende des Horizonts zum anderen. Es ist wie ein schnell über die Menge fliegender heller Lichtschein. Ich selbst, und soweit ich sehen kann auch viele andere, schrecken zusammen. Nach einiger Zeit folgt ein weiterer Blitz und kurz darauf mehrere. In immer kürzer werdenden Abständen folgen immer mehr dieser Blitze, bis der ganze Himmel von diesen zuckenden Lichtscheinen völlig überzogen ist. Ein erschütterndes Bild: ein flackernder, züngelnder Himmel voll weißer Lichtflammen. Ich realisiere plötzlich, dass es Engel sind, die sich rings um die gewaltige Menschenmenge herum aufstellen. Um die Versammlung ist nach einiger Zeit in großer Entfernung ein Lichtschein zu sehen, der den Horizont hell erleuchtet und das große Rund der wartenden Menschen markiert. Inzwischen ist es sehr viel heller.

Ganz unerwartet ertönt plötzlich eine laute Stimme, die die Aufmerksamkeit der Menschen, die noch immer verblüfft zum Himmel schauen, fesselt: „Hört auf die Stimme Gottes, des Herrn!“ Wenige Augenblicke später erklingt eine solch unvorstellbar laute und mächtige, den lautesten Donner übertreffende Stimme, dass sich jedermann – ausnahmslos – niederkniet oder niederwirft. Nicht einer von all den Millionen bleibt stehen. Die Macht der Stimme lässt die Möglichkeit aufrecht stehen zu bleiben gar nicht zu: „Die Auserwählten des Herrn, die Gerechten und Erlösten! Tretet ein in die Herrlichkeit eures Gottes. Tretet ein in den Festsaal. Denn in Ewigkeit werdet ihr bei mir sein!“

Dann erkenne ich weit entfernt am Horizont einen unfassbar großen Torbogen, den ich zuvor nicht wahrgenommen habe oder der bisher nicht sichtbar gewesen ist. Er leuchtet geradezu pulsierend im hellen Goldglanz und inzwischen ist es über der ganzen Versammlung taghell. Der Torbogen ist gigantisch hoch, viele Kilometer. Dahinter schimmert es flirrend, hell, licht und goldscheinend. Ich kann wenig erkennen von dem, was hinter dem Tor zu sehen ist, aber mir ist, als ob goldenes Licht von dort herausfließt und über die Menge flutet.

Nach Kurzem bewege ich mich nach oben in die Luft und merke, dass ich wieder über der Menschenmenge gleite. Ich nahe mich dem Tor und kann nun erkennen, was im Torbogen geschieht. Menschen werden heran gerufen und erhalten ein weißes Gewand, das ihnen umgelegt wird. Dieses Gewand umhüllt die Person geradezu flauschig, es umschmiegt den ganzen Körper und ich bemerke, wie die normalen Kleider, die die Person bis dahin getragen hatte, verschwinden. Es war, wie wenn sie verschlungen würden, in Nichts zerfallen, sich auflösen. Jede Person wird mit Namen in einem Buch überprüft und – was mich zunächst etwas irritierte – von den Umstehenden ganz herzlich willkommen geheißen. Engel geleiteten die Menschen in das helle Licht. Der Lichtglanz ist so intensiv, dass ich selbst von hier wenig von dem erkennen kann, das hinter dem Tor verborgen liegt.

Ich weiß, dass es Jahre dauern wird, um all diese Menschen einzeln hier hindurch führen zu können. Doch Zeit erscheint mir an diesem Ort unwichtig und bedeutungslos. Ich weiß: hinter diesem Tor beginnt wirklich etwas Neues.

 

© Sigrid und Martin Baron
Veröffentlichung unter Quellenangabe „www.gottes-haus.de“ gestattet

 

Zur Beurteilung siehe bitte:
1.Korinther 14,1-4+39
1.Thessalonicher 5, 20-21
Amos 3,7-8

 

Kategorien: Neue Artikel | Schlagwörter: , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Einen Kommentar verfassen...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.